Trauungsritual oder Zeremonie

Einleitung:
Viele Hochzeiten, die im Fernsehen übertragen werden, streifen nur kurz die Hochzeitsrede und legen den Schwerpunkt auf das Brautkleid und das folgende Festbankett. Dementsprechend darf auch das Honorar für den Redner gewisse Mindestbeträge nicht übersteigen. Ich habe immer wieder erlebt, dass z.B. das Honorar für den Fotografen bei weitem das Honorar für den Redner überstieg und dass die Hochzeitskutsche in den Filmen wesentlich länger dargestellt wurde, als die Traurede.

Dieser Missachtung der Trauung möchte ich mit einigen meiner gehaltenen Reden gegensteuern. Dazu zunächst einige grundsätzliche Überlegungen:

Rituale:
Ich werde immer wieder gebeten, ein Trauungsritual oder eine Zeremonie für heiratswillige Menschen durchzuführen.

Diese Bitten an mich muss ich aus Gewissensgründen ablehnen, denn ein Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. (Wikipedia, Ritual, Satz 1)

Nach welchen vorgegebenen Regeln soll das Ritual sein, welches die Hochzeiter von mir als Freiem Redner erwarten? Für christliche Rituale sind die christlichen Beamten und Angestellten zuständig. Für Freie Redner gibt es einfach keine vorgegebenen Regeln und Rituale. Auch bin ich nicht befugt christliche Rituale (Regel) einfach zu übernehmen. Es dann doch zu tun, weil man ja alles nicht so genau nehmen muss und auch das morgendliche Zähneputzen schon als Ritual begriffen wird, entwertet die ganze Trauung und macht mich zu einem Betrüger.

Zeremonie:
Eine Zeremonie ist ein nach einem festgelegten Protokoll oder Ritus ablaufender förmlich-feierlicher Akt. In einer Zeremonie finden in der Regel bestimmte Rituale oder vorgegebene Handlungen statt, die oft Symbolcharakter besitzen. (Wikipedia, Zeremonie, Satz 1 + 2)

Nach welchem „festgelegten Protokoll“ darf oder soll ich eine Freie Trauung durchführen? Bei wem kann ich ein „festgelegtes Protokoll“ und die Bestimmungen für „vorgegebene Handlungen“ für meine Trauung beziehen? Für welche Hochzeiter dürfen und sollen sie gelten?
Kann ein „festgelegtes Protokoll“ den Bedürfnissen der Hochzeiter gerecht werden? Welches „festgelegte Protokoll“ gilt für gleichgeschlechtliche Paare? Welches gilt für Wiederverheiratung? Welches gilt nur für Partnerschaften?

Event (Ereignis):
- allgemein eine Veranstaltung (Wikipedia, Event, Nr. 1)

- Meine Trauungen verstehe ich als Events, mit dem besonderen Schwerpunkt einer „kommunikativen Veranstaltung“ (Wikipedia, Event, Nr. 2).

Freie Hochzeit

Als Freier Redner gibt es für mich kein festgelegtes Protokoll und auch keinen Ritus, nach dem ich mich zu richten hätte, sondern nur den Wunsch und die Vorschläge der Hochzeiter, wie ihre Trauung ablaufen soll. Die Trauung ist für mich eine kommunikative Veranstaltung mit dem entscheidenden Inhalt, einen neuen Lebensabschnitt von zwei Menschen im Kreis ihrer Familien und Freunde gemeinsam in einer Feierstunde offiziell zu beginnen und bekannt zu machen.

Jeder Event steht naturgemäß unter einem besonderen Thema, ob es nun Geburt, Adoleszenz, Hochzeit oder Tod ist. Dieses Thema wird von allen Teilnehmern mehr oder weniger mitgetragen. Die jeweilige Schwerpunktsetzung des Events bestimmt unterschiedliche Akteure. Bei der Geburt eines Kindes sind es die Eltern des Kindes. Bei der Trauung sind es die Hochzeiter. Bei der Feier zur Adoleszenz sind die Pubertierenden die Hauptakteure. Bei Tod und Trauerfeier sind es die engsten Hinterbliebenen.

Auch die soziale Gruppe verändert sich je nach dem Thema des angesagten Events. Der Namenstag (Geburt) eines Neugeborenen wird aus der sozialen Gruppe der Eltern andere Interessen bedienen, als die Adoleszenz (Freisprechung, Pubertätsfest). Der Soziologe Max Weber hat schon vor etwas 100 Jahren festgestellt. „Nicht Ideen bestimmen das Handeln der Menschen, sondern Interessen.“ Die Interessen der Menschen sind im unterschiedlichen Alter sehr unterschiedlich.

Unterschiedliche Events bedienen unterschiedliche Interessen in der sozialen Gruppe, deren grundsätzliches Zusammengehörigkeitsmerkmal das persönliche Vertrauen der Teilnehmer zueinander ist.

Eine soziale Gruppe entsteht, weil unterschiedliche Menschen unterschiedliches Vertrauen und unterschiedliche Interessen aneinander haben. Diese beiden Grundlagen – Vertrauen und Interesse – sind das Fundament jeder - und dabei in den Rändern immer offenen sozialen Gruppe.

Mein Trauungsevent steht unter dem Oberthema des Interesses und des Vertrauens der Hochzeiter und ihrer sozialen Gruppe. Das kann man nicht mit Ritualen und Zeremonien erledigen.

Wie Reden aussehen können, wenn sie frei von den Vorgaben der Rituale und Zeremonien sind, werde ich in den folgenden Texten darstellen. Es werden unterschiedliche Texte sein, die dem jeweiligen Bedürfnis der Hochzeiter entsprechen.