Weidenschlossgeschichten 05

Eines Tages im März, als die Weidenkätzchen sich von der Sonne wohlig und warm bescheinen ließen, kam eine Honigbiene angebrummt.

 

„Guten Tag“ sagte die Honigbiene. „kann man bei euch ein klein wenig Honig naschen? Ich bin so hungrig. Unser Imker hat uns zu wenig Zucker dagelassen. Wir sind kaum über den Winter gekommen.“

 

„Ach“, sagten die Weidenkätzchen, „haben die Menschen euch auch bis an den Tod gebracht? Uns haben sie auch beinahe umgebracht. Natürlich könnt ihr etwas Honig von uns bekommen.“

 

Die Biene holte ihre Freundinnen und erzählte ihnen, dass sie freundliche Weidenkätzchen getroffen hätte, die ihnen bereitwillig ihren Honig überließen.

 

Das erstaunte alle, denn sie hatten alle Felder und Wälder abgesucht und nirgendwo Blüten mit Honig getroffen. Nun wollten sie genau wissen, wo das ist, wo man von den Weidenkätzchen Honig erhalten könne.

 

Sie machten einen großen Kreis, denn der Vortrag, den die Honigbiene halten wollte, war lang. Honigbienen haben keinen Mund zum Reden. Sie müssen anders miteinander sprechen. Das tun sie mit Tanzen. Ganz bestimmte Tanzbewegungen weisen nach Osten, wo die Sonne aufgeht oder nach Süden, wo die Sonne mittags zu finden ist. Wenn die Sonne im Westen steht und die Bienen das erzählen wollen, dann wird ihr Tanz langsamer und müder, weil man ja abends müde wird. Wenn sie gar nicht mehr tanzen, dann meinen sie die Richtung Norden. Dort ist die Sonne nie.

 

Als alle Honigbienen nun verstanden hatten, wo sie die Weidenkätzchen finden können, brummten sie alle los um die kleinen Honigtöpfe in den Weidenkätzchen leer zu schleckern. Das war ein Festmahl für die Bienen, die sonst nirgendwo etwas bekommen konnten.

 

Aber die Honigbienen kamen nicht nur um Honig zu schleckern, sondern sie brachten auch immer etwas mit, nämlich Blütenstaub von anderen Weidenkätzchen.

 

Und dann geschah das Gleiche, was zuwischen der Grauen und dem Silbernen passierte, als sie sich ganz doll lieb hatten.

 

„Du verstehst jetzt“, sagte der Kopffüßler zu mir, „warum ich zu dir gekommen bin. Wir haben gemerkt, du bist nur nach dem Kalender ein alter Mann. Die Menschen haben dich auch an den Rand des Todes gebracht, wie die Weidenkätzchen und die Bienen. Dann bekommt man einen anderen Blick. Dann kannst du uns Kopffüßler als Weidenkätzchen erkennen und die Weidenkätzchen als Kopffüßler. Die kleinen Kinder wissen das noch und deshalb malen sie uns mit Strichen für Arme und Beine und großen Ohren, weil wir ja alles so gut hören und verstehen.

 

Irgendwie war ich bei seiner Geschichte müde geworden und einfach eingeschlafen. Wie er wieder von meiner Brust runter gekrabbelt ist, habe ich nicht mehr mitbekommen, sondern ich habe den Rest der Nacht, wie meine Conny und unser Cooper auf Connys Füßen, tief und fest geschlafen

 

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Weidenschlossgeschichten 05 - Freie Trauung